Ungleiche Gesellschaft: Umverteilung nach oben nimmt neue Dimensionen an

Laut dem ersten „Weltreport über Ungleichheit“ ist die Einkommensverteilung in Deutschland so ungleich wie zuletzt vor 100 Jahren.

Besonders seit den 70er Jahren werden die reichen in Deutschland reicher. Dies geht aus dem ersten Weltreport über Ungleichheit hervor. Die Forschergruppe um Thomas Pitketty stellt fest: In Deutschland besteht eine ungleiche Gesellschaft wie zuletzt 1913.

Im Zuge der Industrialisierung war die Verteilung von Einkommen vor dem ersten Weltkrieg immense. Die obersten zehn Prozent der Haushalte generierten 40 Prozent allen Einkommens. Durch jahrelanges politisches Versagen und erfolgreiche Lobbyarbeit der Großkonzerne ist die deutsche Gesellschaft wieder so gespalten wie vor 100 Jahren.



Was bedeutet diese Entwicklung für eine faire und nachhaltige „Schicksalsgemeinschaft“?

Natürlich ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts der Lebensstandard deutlich gestiegen. Die Menschen besitzen Flachbildfernseher, iPhones, Autos, fast jeder kann sich ein Urlaub auf Mallorca leisten. Jedoch: Die Fairness einer Gesellschaft erschließt sich eben aus der relativen Verteilung von Einkommen und Wohlstand. Währen das Manager zu Angestellten Lehrverhältnis 1987 bei 14:1 lag, ist dieses bis 2006 rasant auf 44:1 gestiegen. 2011 wurde bekannt, dass VW-Chef Martin Winterkorn ein Gehalt von 17,5 Millionen Euro erhielt: Circa 350-mal so viel wie ein VW-Arbeiter am Band, der inklusive Boni etwa 50.000 Euro Jahresgehalt verdient. Wie viel sollte ein Chef also verdienen? Laut einer Studie von Michael Norton von der Harvard Business School liegt das ideale als gerecht empfundene Verhältnis lediglich bei 4,6 zu 1. In den USA, der Heimat des ungebremsten Kapitalismus‘, verdient ein CEO inzwischen rund 354-mal so viel wie ein einfacher Arbeiter. Immerhin: Während die oberen zehn Prozent in den USA, Russland, Indien, Brasilien oder im Nahen Osten 45 bis 60 Prozent des gesamten Einkommens kassierten, seien es in Europa immerhin nur 37 Prozent.

Die unbegrenzte Maßlosigkeit des Kapitalerwerbwesens

Das berühmte Gedankenexperiment vom Josephspfennig veranschaulicht eine zentrale Einsicht über das globale Finanzsystem, in Hinblick auf die Auswirkungen exponentiellen Wachstums aufgrund des Zinseszinseffekts.

Dieses lautet sinngemäß wie folgt:

Ein Pfennig, welcher zu Geburt Jesus Christus mit einem Zins von 5 Prozent angelegt wurde, besäße heute einen Gegenwert von 50 Millionen Sonnen aus puren Gold. Gäbe es jedoch keinen Zinseszinseffekt, hätte sich der Wert lediglich auf etwas über 7 Euro erhöht.

Das Gedankenexperiment wirft die Frage nach den Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums – und der Nachhaltigkeit des Systems der unbegrenzten Giralgeldschöpfung – auf. In Anbetracht der, im zwanzigsten- und einundzwanzigsten Jahrhundert immer rasanter wiederkehrenden Finanzkrisen und der zunehmend absurden Statistiken zur ungleichen Verteilung von Wohlstand und Einkommen innerhalb der Gesellschaft, stellt das Wesen des ungebändigten Kapitalismus‘ eines der vordringlichen Problematiken unserer Zeit dar.



Philosophische Grundlagen des Kapitalerwerbes

In seiner staatsphilosophischen Schrift „Politik“ kritisierte, erstaunlicherweise, bereits Aristoteles – auch ohne ökonomisches Fachwissen in Bezug auf die finanzmathematischen Formeln zur Berechnung von langfristigen Zinseszinseffekten – die unternehmerische Zielsetzung der endlosen Maximierung von Kapitalerträgen. Dabei unterscheidet er zwischen zweierlei Tauschhandel: Erstens jener, welcher naturgemäß Notwendig sei um zu ermöglichen, dass die Menschen Besitztümer bedarfsgerecht untereinander verteilen können. Ein solcher Tauschhandel sei ein unersetzlicher Bestandteil der Kunst der Hausverwaltung. Und zweitens jener, welcher lediglich darauf abziele den größtmöglichen Gewinn zu erhalten und somit Teil des Kapitalerwerbswesens sei.

Bestünde eine in der Natur begründete Verbindung zwischen der Kunst der Hausverwaltung und jener des Kapitalerwerbswesens, begrenzte sich die Akkumulierung von Kapital auf das, der Hausverwaltung inhärente Ziel, nämlich der Sicherstellung eines vollkommenen und selbständigen Lebens. Stattdessen zeige sich jedoch das unternehmerische Trachten nach grenzenlosem Reichtum. Insbesondere kritisiert Aristoteles in diesem Zusammenhang die Entfremdung eines jeweiligen Produzenten oder Dienstleisters von dessen im Einklang mit der Natur stehenden Zielen. Beispielsweise sei es nicht mehr eines Heilkünstlers Ziel die Gesundheit eines Patienten zu erwirken. Stattdessen stünde das Erwirtschaften eines maximalen Kapitals im Vordergrund seiner Tätigkeit. Daraus resultiere eine Transformation von allen Fertigkeitskünsten zu kapitalerwerbenden.



Diesen Gedanken griff später der Ökonom und Moralphilosoph Adam Smith auf und rechtfertigte diese Transformation durch seine berühmte Metapher der „unsichtbaren Hand“, wonach das eigennützliche Streben des wirtschaftlichen Menschen gleichzeitig im „System der natürlichen Freiheit“ zum Wohl der Gemeinschaft beitrage. Dass diese Annahme jedoch nur bedingt Gültigkeit aufweist, erschließt sich unteranderem aus dem spieltheoretischen Ansatz des Nash-Gleichgewichts, welches besagt, dass optimale Teillösungen nicht zwangsläufig zu einer optimalen Gesamtlösung führen, daher keine Pareto-Optimalität gegeben ist. (vgl. NASH)

Die Notwendigkeit des Geldes als Mittel zum Zweck, daher der Allokation von wirtschaftlichen Gütern und Dienstleistungen, sei jedoch nicht in Frage gestellt. Aristoteles Finanzwirtschaftskritik befasst sich daher mit der Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Das unbegrenzte Anhäufen und Aufbewahren von Geld scheint im Gegensatz zu der primären Zahlungsmittelfunktion – Geld als Tausch- und Schuldentilgungsmittel – zustehen. Ohne auf genauere Details einzugehen verurteilt Aristoteles zudem den Kaptalerwerb durch Zinsen als jenen der „am meisten der Natur zuwiderläuft“.

Aristoteles grundlegende Ausführungen bezüglich der Mechanismen des Kapitalerwerbswesens können weiterhin als relevant angesehen werden sollten. Das Girieren von Fiat-Geld „ex nihilo“ nach Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973, stellt in vieler Hinsicht, zumindest auf langfristiger Sicht, eine Gefahr für die Nachhaltigkeit und Beständigkeit des modernen Finanzsystems dar.



Heute besitzen 0,001% der Weltbevölkerung über 30% des globalen Finanzvermögens, Tendenz steigend. Eine derartige Vermögenskonzentration trotzt jeglicher Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit. Seit des 18. Jahrhunderts ist das aggregierte Zinseinkommen aus Vermögen um ein Vielfaches rentabler, als das Einkommen aus Erwerbsarbeit. Es ist daher gerechtfertigt die temporäre Auslegung der kapitalistischen Finanzwirtschaft kritisch zu überdenken. Weder ein rein kapitalistisches, noch ein rein sozialistisches System kann langfristig bestehen bleiben – nur die richtige Balance aus diesen Beiden sozioökonomischen Ansätzen kann letzten Endes zu nachhaltigen gesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen führen.

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